
Es ist weit nach Mitternacht, das Kind schläft endlich (nachdem es drei Anläufe und eine gefühlte Ewigkeit gedauert hat) und ich sitze an meinem treuen Küchentisch, der tagsüber als Büro und abends als Schlachtfeld für Nudeln mit Tomatensoße dient. Das kalte Gefühl des Aluminiumgehäuses meines Laptops an meinen Unterarmen erinnert mich daran, dass ich eigentlich schon längst im Bett sein sollte, während die Kaffeemaschine in der Küche zum dritten Mal heute gluckert. Vor mir auf dem Bildschirm: Ein Entwurf für einen Heizungsbauer über Wärmepumpen-Kaskaden. Mein Auftrag? Das Ganze so umzuschreiben, dass meine Nachbarin es verstehen würde, ohne dass der Meister denkt, ich halte ihn für unterbelichtet.
Ich scrolle durch den Text und bleibe hängen. Da steht es, schwarz auf weiß: „Die Kaskadierung von Luft-Wasser-Wärmepumpen ermöglicht eine bedarfsgerechte Skalierung der thermischen Gesamtleistung.“ Ich seufze. In solchen Momenten merke ich wieder, wie weit mein Kunstgeschichte-Studium weg ist – und wie sehr ich immer noch bei jedem zweiten Satz auf Duden.de prüfe, ob ich die Kommaregeln bei Infinitivgruppen wirklich verstanden habe. Aber genau hier liegt das Problem vieler Fachartikel im Handwerk: Sie versinken im Fachchinesisch, weil sie Kompetenz durch Komplexität beweisen wollen.
Warum Handwerksbetriebe oft an der Lesbarkeit scheitern
Anfang Dezember saß ich mit einem Kunden zusammen, einem Dachdeckermeister, der sichtlich frustriert war. Er hatte tolle Blogartikel geschrieben, aber niemand rief an. Er dachte, er müsse klingen wie eine Bedienungsanleitung von Bosch, um ernst genommen zu werden. Das ist ein klassischer Trugschluss. Viele Handwerker haben Angst, dass einfache Sprache unprofessionell wirkt. Sie erinnern mich an mich selbst, als ich 2024 diesen Schreibkurs belegte, nachdem ein Kunde mich auf einen Konjunktiv II-Fehler hingewiesen hatte – ich habe drei Tage lang an jedem Wort gezweifelt.

Aber die Wahrheit ist: Deine Kunden (die B2C-Hausbesitzer) wollen keine Vorlesung in Thermodynamik. Sie wollen wissen, ob ihre Bude warm wird und was das kostet. Wenn wir Texte für das Handwerk optimieren, kämpfen wir oft gegen den Nominalstil. Wörter wie „Inbetriebnahme“, „Leistungsoptimierung“ oder „Wartungsintervallfestlegung“ blähen Sätze auf wie einen Hefeteig, den man zu lange in der Sonne hat stehen lassen. Die Kunst ist es, diese Begriffe zu nutzen, wo sie nötig sind, aber drumherum für Luft zum Atmen zu sorgen.
Die Werkzeugkiste für bessere Texte: Flesch-Grad und Satzlängen
Kurz nach den Osterferien habe ich angefangen, meine Texte systematischer zu prüfen. Nicht nur nach Gefühl, sondern mit echten Metriken. Ein wichtiger Anker ist der Flesch-Reading-Ease. Für deutsche Texte gibt es da die Anpassung nach Amstad. Die Skala reicht von 0 bis 100. Während ein akademischer Text oft bei 30 herumdümpelt, sollten wir für Handwerks-Fachartikel einen Wert zwischen 50 und 60 anpeilen. Das ist die „goldene Mitte“ – fachlich fundiert, aber flüssig lesbar.
Ein weiterer Punkt ist die Satzlänge. In der journalistischen Ausbildung lernt man oft, dass 15 bis 20 Wörter pro Satz das Maximum für gute Verständlichkeit sind. Wenn ich an einem schwülen Vormittag im Juli meine eigenen Entwürfe durchgehe, merke ich oft, dass ich bei 35 Wörtern lande, nur weil ich noch einen Nebensatz mit „obwohl“ oder „da“ drangeklatscht habe. Letzte Woche am Küchentisch habe ich mich wieder durch verschiedene Lesbarkeit von Texten prüfen Tools gewühlt, um genau diese Bandwurmsätze zu eliminieren.
Die Falle der „Einfachen Sprache“ (Mein Kontra-Punkt)
Hier kommt jetzt meine unpopuläre Meinung, die ich mir in den letzten Jahren erarbeitet habe: Vermeide konsequent zu „einfache“ Sprache. Es gibt einen Trend im Marketing, alles auf Grundschulniveau herunterzubrechen. Im Handwerk ist das brandgefährlich. Ein Meister oder ein informierter Bauherr merkt sofort, wenn ein Texter keine Ahnung hat und Fachbegriffe durch vage Umschreibungen ersetzt. Wenn es eine „Wärmepumpen-Kaskade“ ist, dann nenne sie auch so. Erkläre sie, aber ersetze den Fachbegriff nicht durch „viele Heizgeräte hintereinander“.

Handwerker empfinden übermäßig simplifizierte Texte oft als herablassend. Es wirkt, als würde man ihnen die Fachkompetenz absprechen. Die Herausforderung ist nicht, die Wörter zu vereinfachen, sondern die Struktur. Ein präziser Fachartikel nutzt die korrekte Terminologie, bettet sie aber in kurze, aktive Sätze ein. Dabei hilft mir oft ein Blick in meine Notizen zum Thema Lexosophie Kosten und Nutzen, um das richtige Maß an Komplexität und Korrektheit zu finden.
DIN 1450: Wenn das Layout die Lesbarkeit killt
Wir Texter denken oft nur an die Wörter, aber die Lesbarkeit hat auch eine visuelle Komponente. Hast du schon mal von der DIN 1450 gehört? Das ist die deutsche Norm für die Leserlichkeit von Schriften. Wenn ein Handwerksbetrieb seinen Fachartikel in einer 8-Punkt-Schrift ohne Absätze auf die Website klatscht, hilft auch das beste Storytelling nichts.
- Nutze ausreichend Zeilenabstand (mindestens 1,2 bis 1,5-fach).
- Setze nach maximal 3-4 Sätzen einen Absatz.
- Verwende Zwischenüberschriften, die den Inhalt zusammenfassen (nicht nur „Einleitung“, „Hauptteil“).
Ich erinnere mich an den Moment, als ich ein Dokument öffne und sehe, dass ich „das Selbe“ statt „dasselbe“ geschrieben habe und sofort panisch alle Tabs schließe, weil ich denke: „Wenn ich das nicht kann, wie soll ich dann über DIN-Normen schreiben?“ Aber hey, wir sind alle Menschen. Wichtig ist, dass der Text am Ende für den Leser funktioniert.
Das Feedback vom Dachdecker: Weniger ist mehr Vertrauen
Der Wendepunkt in meiner Zusammenarbeit mit dem Dachdeckermeister kam, als er mir eine E-Mail schickte. Er meinte, dass meine „einfachen“ (er meinte: klaren) Texte zu deutlich mehr Anfragen führen als die hochtrabenden Broschüren der Konkurrenz. Warum? Weil die Kunden sich verstanden fühlten. Sie hatten nicht das Gefühl, dass ihnen jemand etwas „verkaufen“ will, indem er sie mit Wissen erschlägt. Weniger Fachbegriffe-Dichte (nicht Null!) bedeutet oft mehr Vertrauen.

Wenn du für Handwerker schreibst, sei der Übersetzer, nicht der Professor. Nutze Tools, um deine Satzlängen zu checken, aber vertraue deinem Gefühl für den Rhythmus. Ein guter Text im Handwerk klingt wie ein Gespräch auf der Baustelle: Klar, direkt, ehrlich und ohne unnötiges Geschwafel.
Jetzt ist es fast zwei Uhr morgens. Ich schließe den Laptop, während ich einen klebrigen Saftfleck vom Tisch wische – das Überbleibsel vom Nachmittagssnack des Kleinen. Lesbarkeit ist am Ende genau das: Den Dreck und das Chaos beiseite räumen, damit der Kern der Botschaft glänzen kann. Morgen früh wird das Briefing für den nächsten Kunden fertig gemacht, und hoffentlich ohne Konjunktiv-II-Eskapaden.