
Ein Rechtschreibprogramm findet den Tippfehler auf Seite 12. Es findet nicht den Satz, der bei der zehnten Leserin hängen bleibt, weil er zu verschachtelt ist, und genau diese Lücke zwischen Fehlerfreiheit und echter Textqualität merkt man erst richtig, wenn man wie ich als freie Texterin regelmäßig Kundenmagazine und Broschüren für Kunden aus dem DACH-Raum schreibt. Bei einem Blogartikel lässt sich ein missverständlicher Absatz noch nachträglich schärfen. Bei einer gedruckten Auflage von mehreren Tausend Exemplaren geht das nicht mehr. Der Fehler bleibt, bis das Papier im Altpapier landet.
Andere Freelancer:innen fragen mich deshalb ständig, welche Schreibtools sich für Print-Projekte überhaupt lohnen. Ich beantworte die Fragen hier so, wie ich sie auch am Telefon beantworten würde: direkt, mit den Einschränkungen, die dazugehören, und ohne die Tools schönzureden, nur weil ich sie selbst benutze.
Reine Rechtschreibprüfung reicht bei einer 40-seitigen Broschüre nicht
Ich habe für ein Kundenmagazin mal einen 40-seitigen Entwurf zehnmal durchgelesen, und danach war mir klar, wie blind man nach der zehnten Runde für die eigenen Fehler wird.
Duden.de bleibt trotzdem meine meistbesuchte Seite – allein das Standardwerk führt mittlerweile 148.000 Stichwörter –, aber bei einer Auflage von 5.000 gedruckten Exemplaren im klassischen DIN A4 Standardmaß reicht ständiges Nachschlagen einfach nicht. Ein Fehler im Druck bleibt für die komplette Auflage stehen, nicht nur für einen Blogartikel, den man in fünf Minuten korrigieren kann.
Eine reine Grammatikprüfung stößt dabei schnell an ihre Grenzen. Sie markiert vielleicht den Konjunktiv II, den ich selbst gern mal verwechsle, erkennt aber nicht, ob ein ganzer Absatz beim Lesen hängen bleibt. Die Angst vor genau diesem Fehler ist übrigens ein eigenes Thema, das andere ausführlicher behandeln als ich hier.

Verständlichkeit statt bloßer Fehlerfreiheit
Grammatikalisch sauber und trotzdem unverständlich, das ist die Kombination, die mich bei Kundenmagazinen am meisten nervt.
Ich hatte mal einen Abschnitt, der fehlerfrei war und den trotzdem niemand auf Anhieb verstanden hätte, weil ich im Nominalstil geschrieben hatte, wie man es an der Uni lernt.
Ein Lesbarkeitsindex kann da einen ersten Hinweis geben, aber ich verlasse mich nie nur auf eine einzelne Kennzahl, weil Textverständlichkeit mehr ist als eine reine Rechengröße. Praktischer finde ich das Hamburger Verständlichkeitsmodell als groben Kompass, wenn ein Absatz zu schwer wird, nicht als starre Regel, sondern als Erinnerung, die Sätze atmen zu lassen.
Wenn ein Schreibtool deinen Markensound kaputtbügelt
Kein Tool kennt deinen Kunden.
Es gab Textstellen, an denen ich bewusst ein Satzfragment stehen lassen wollte oder einen etwas lockereren Satzbau, weil der Kunde – in dem Fall jemand aus dem therapeutischen Bereich – einen warmen, menschlichen Ton brauchte. Das Tool hat mich dafür mit gelben Markierungen praktisch angeschrien.
Das kalte Ziehen im Magen, wenn einem das Wort Verschlimmbesserung durch den Kopf geht, während man gerade eine Korrekturmaske schließt, kenne ich gut. Manchmal ist genau das, was ein Algorithmus als Fehler markiert, das Stilmittel, das den Text lebendig macht. Ein Tool ist ein Assistent, kein Chef-Redakteur, der die letzte Entscheidung trifft.
Wortliga oder LanguageTool: Was passt besser zu Kundenmagazinen?
Für reine Fehlerjagd greife ich nach wie vor zu LanguageTool, besonders wenn ich mal wieder im Konjunktiv-Dschungel die Orientierung verliere.
Bei einem Kundenmagazin oder einer Broschüre, bei der am Ende die Psychologie des Lesens entscheidet, hat für mich trotzdem Wortliga die Nase vorn, weil es eher auf konzeptioneller Ebene ansetzt als auf reiner Rechtschreibung.
Welche Kriterien bei der Tool-Auswahl grundsätzlich zählen, ist ein eigenes, längeres Thema, genauso wie die Anforderungen, die eine Broschüre an einen Text stellt und die sich von einem Newsletter oder einer Landingpage unterscheiden.
Wer noch tiefer in längere Formate einsteigen will, findet in meinem Vergleich zur Beste Schreibsoftware für lange Blogartikel ein paar Ansätze, die sich auf Broschüren übertragen lassen. Wer lieber im Browser oder direkt im Web-Backend arbeitet, für den lohnt sich eher der Blick auf Lexosophie im Vergleich zu Word, weil der Ansatz dort etwas anders ist.

Rechne einen freien Lektor lieber genau durch
Bevor ich mich für Wortliga entschieden habe, habe ich es eine Zeit lang mit einem freien Lektor probiert, der meine Texte regelmäßig gegengelesen hat.
Fachlich war die Arbeit gut, keine Frage. Aber irgendwann passte das Budget für eine Ein-Frau-Firma einfach nicht mehr zu dem, was am Ende dabei herauskam, und ich habe die Zusammenarbeit wieder beendet.
Ob sich ein teurer Schreibkurs stattdessen lohnt, ist eine ganz eigene Rechnung, die von Auftragslage zu Auftragslage unterschiedlich ausfällt. Für mich persönlich hat ein Tool, das ich bei jedem einzelnen Absatz einsetzen kann, am Ende mehr gebracht als eine externe Person, die ich nur einmal im Monat einbinden konnte.
Was sich für mich am Ende wirklich gelohnt hat
Neulich habe ich ein Kundenbriefing gelesen, in dem mehrfach zwischen weiblicher und männlicher Genusform gewechselt wurde, und ich habe die richtige Form automatisch mitgeschrieben, ohne einmal zwischendurch zum Duden zu greifen.
Genau daran merke ich, dass sich die Arbeit mit den Tools nicht nur in saubereren Kundenmagazinen zeigt, sondern auch darin, wie selten ich mitten im Schreiben noch ins Nachschlagewerk wechsle.
Bei Verkaufstexten ist Klarheit übrigens nochmal ein anderes Spiel als bei einem Kundenmagazin, das eher erzählen als sofort verkaufen will. Dazu ein andermal mehr. Meine Schreibroutine wird ohnehin ständig von meinem Kleinkind unterbrochen, und gerade deshalb will ich mich beim Wiedereinstieg in einen Text nicht auch noch mit der Grammatik aufhalten.
Mein konkreter Rat: Miss ein Tool nicht daran, wie viele rote Markierungen es produziert, sondern daran, ob dein Text danach noch nach dir klingt und ob eine fremde Leserin ihn beim ersten Durchlesen versteht. Alles andere ist Kosmetik.